20. Geschichte
Wie Eulenspiegel Mehl beutelte
Als es Till bei seiner Wanderung in Richtung Norden nach Uelzen verschlug, erinnerte er sich an seine Erfahrungen im Bäckerhandwerk. Bisher war er damit gut gefahren und so sah er sich wieder nach einem Meister um, der einen Knecht suchte. Ein solcher war auch bald gefunden, doch Till bekam schnell zu spüren, dass er einen knauserigen Dienstherren erwischt hatte.
Schon am folgenden Tag verlangte er von Till, dass er die Nacht hindurch das Mehl beutle. Er selbst wolle dann am nächsten Morgen, vor dem üblichen Aufstehen, backen. Till nahm sich nach dem Dunkelwerden das Beuteltuch und bat den Bäckermeister um ein Licht. Der schüttelte sein Haupt und murrte: „Wozu willst du Licht? Meine Knechte haben immer im Mondlicht gebeutelt.“
Folgsam nickte Till und versprach, sich genau nach dem Geheiß des Meisters zu richten.
Der wendete sich darauf zufrieden gähnend zum Gehen und begab sich schnurstracks in sein Bett.
Kaum war Till allein, öffnete er das Fenster der Backstube. Der Mond schien vom wolkenlosen Himmel. Voller Eifer hielt Till den Mehlbeutel nach draußen in das Licht und begann ihn nach Herzenslust zu klopfen und zu schütteln. Das feine Mehl stäubte hinaus, Kleie und Grieß blieben zurück. Diese behielt er in der Backstube. Die ganze Nacht hindurch war er am Beuteln und Stäuben. Bald sah der Hof aus, als habe es geschneit.
Gerade als Till den letzten Beutel entstaubte, öffnete sich die Tür und der Bäcker kam herein. Zuerst wusste dieser gar nicht, wie ihm war. Sein Geselle beutelte das gute Mehl zum Fenster hinaus. Als er zu Till gelaufen kam, erblickte er das Unheil auf dem Hof.
„Was hast du angerichtet, du Unglücksmensch?!“
Arglos zuckte Till mit den Schultern.
„Was ist Euch, lieber Meister? Sagtet ihr nicht, ich solle in den Mondschein beuteln um Licht zu sparen? Ich habe mich genau nach Eurem Wort gerichtet.“
Der Bäcker schlug sich vor den Kopf.
„Du solltest beim und nicht im Mondlicht beuteln.“
Till tat, als verstünde er den Ärger des Bäckers nicht.
„Seid doch zufrieden, lieber Meister. Ich habe beides getan, sowohl im als auch beim Mondenschein gebeutelt. Wenn Euch dies jedoch nicht gefällt, dann will ich hinauseilen und das Mehl im Hof zusammenfegen, um es zurückzuholen.“
„Ach, bevor du das Mehl beisammen hast“, klagte der Bäcker, „ist die Backzeit vorbei. Meine lieben Kunden werden zu einem anderen Bäcker gehen und dort ihr Brot kaufen.“
Verständnislos zuckte Till mit den Schultern.
„Wenn Ihr das befürchtet, lieber Meister, dann lasst mich von einem anderen Bäcker den Teig für Euch holen.“
Das verschlug dem Geizkragen kurz die Sprache. Er lief im Gesicht rot an und begann zu schreien: „Du elender Schelm, bevor du dich am Teig der anderen Bäckern vergreifst, fahre zum Galgen und hol den gehenkten Dieb.“
Das ließ sich Till nicht zweimal sagen. Bevor der Bäcker ein weiteres Wort herausbekam, stürzte er aus der Backstube und lief zum Galgenberg. Flugs hatte er den kürzlich Gehenkten aus der Schlinge befreit und trug ihn zu seinem Meister in die Backstube.
„Hier habt Ihr ihn“, keuchte Till und wuchtete die Leiche auf den Tisch.
Nun blieb dem Bäcker die Luft gänzlich weg. Er wurde dunkelrot im Gesicht und stammelte: „Du hast… das Gericht… beraubt… Ich… ich zeig dich an… du wirst sehen… was du… davon hast.“
Darauf lief er, in Pantoffeln und ohne Rock, aus dem Haus.
Till folgte ihm auf dem Fuße.
Der Bäcker war so aufgeregt, dass er dies nicht bemerkte. Auf dem Marktplatz traf er auf den Bürgermeister und lief ihm aufgeregt entgegen. Sogleich begann er über seinen Knecht zu klagen.
Till, der sich dicht neben ihn stellte, riss weit beide Augen auf.
Nun fiel er dem Bäcker doch auf. In seiner Rage vergaß dieser seine Rede und ballte beide Fäuste.
„Was läufst du mir nach? Was willst du hier?“
„Nichts besonderes, lieber Meister“, entgegnete Till ruhig, „nur sagtet Ihr nicht, ich werde sehen, was ich davon habe? Das kann ich aber nur, wenn ich dabei bin.“
„Geh mir aus den Augen, du arger Schelm“, brüllte der Bäcker nun.
„So hat man mich oft geheißen“, antwortete Till lachend. „Doch glaube ich nicht, dass ich Euch in den Augen sitze, denn sonst müsste ich euch zur Nase herauskriechen. Mit Gehen ist da wenig getan.“
Als der Bürgermeister dies hörte, schüttelte er den Kopf. Er vermeinte, zwei Narren vor sich zu haben und ging seines Weges.