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Mit diesem Blog möchte ich einem lang gehegten Wunsch, die Abenteuer des Till Eulenspiegel niederzuschreiben, nachgehen. Dabei halte ich mich an die alten Überlieferungen, die ich in Anekdoten mit meinen Worten wiedergebe.

Archiv des Monats Juni 2010

22. Geschichte

am 27. Juni 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie sich Eulenspiegel als Turmbläser verdingte und Missfallen erregte

Nachdem Till Uelzen schleunig den Rücken gekehrt hatte, verschlug es ihn bald nach Bernburg. Es war im Jahr 1334, als er dort beim Grafen von Anhalt auf dem Schlosse eine Anstellung fand. Die Stelle des Turmbläsers war gerade frei geworden und so hielt sich Till für nicht zu fein, diese anzunehmen. Er bekam eine Kammer in dem Bergfried und sollte dafür in der Umgebung nach Feinden Ausschau halten. Für den Fall vor ihnen zu warnen, besaß er ein großes Blashorn.
Da saß Till nun auf seinem Turm in einer zugigen Kammer und sah sich die Augen wund. Mit der Zeit wurde es ihm langweilig und so begann er sich immer mehr für das Geschehen in der Burg zu interessieren. Dabei fielen ihm besonders die Speisen und Getränke auf, die von der Küche in das Hauptgebäude getragen wurden. Bei einem Fest, das der Graf mit seinen Rittern feierte, bog sich die Tafel unter den üppig aufgetragenen Krügen und Schüsseln voller Bier, Braten und Brot. An einem Spieß drehte sich über dem Feuer ein Ochse, dessen Bratenduft zu Till hinaufstieg. Er hielt die Versuchung nicht mehr aus und begab sich auf die andere Seite des Turmes und ließ seinen Blick gelangweilt über die Landschaft schweifen. Er sah, wie fremde Reiter aus der Ferne herankamen und das Vieh, welches vor der Stadt weidete, mit sich nahmen. Hätte sich der Hirtenjunge nicht auf die Burg gerettet und von dem Diebstahl berichtet, wäre der Raub auf der Burg unbemerkt geblieben. Als nun der Graf davon erfuhr, stellte er Till wütend zur Rede und wollte von ihm wissen, weshalb er den Feind nicht anblase. Eulenspiegel war um keine Ausrede verlegen und entgegnete: „Vor dem Essen tanze ich nicht gern. Ich darf auch keine Feinde mehr heranblasen, seht nur, das Feld ist schon voll von ihnen und ein Teil ging schon mit dem Vieh davon. Wollte ich noch mehr heranblasen, würden sie euch sicher noch das Tor einschlagen.“
Der Graf fluchte und ließ seine Reiter aufsitzen, um die Viehdiebe zu stellen. Es gelang ihnen und sie konnten sogar das gestohlene Vieh zurückholen. In Siegerlaune kehrten sie auf die Burg heim. Das Fest wurde nun noch ausgelassener fortgesetzt.
Till war vergessen und saß vor Hunger schmachtend in seinem Turm. Ihm knurrte der Magen und leckte der Zahn. Gerade als man unten im Hof den Ochsen über dem Feuer anschneiden wollte, blies er aus voller Brust ins Horn und rief: „Feinde! Feinde rücken an!“
Der Graf und die Seinen sprangen auf und warfen sich in wilder Eile in die Harnische und stürzten auf ihren Pferden zum Tor hinaus.
Till lief behände die Treppe hinab und setzte sich an die Tafel auf den Platz des Grafen. Er nahm sich vom Gebratenen, Gesottenen und trank, wie es ihm beliebte. Als er dann kein Stück mehr herunterbekam, trollte er sich und stieg wieder auf seinen Turm.
Nicht lange und der Graf kehrte mit seinen Reitern zurück. Zornentbrannt kam er unter den Turm und schüttelte die Fäuste.
„Du verdammter Schalk, was bläst du ‚Feind in Sicht’ wenn keiner zu sehen ist?“
Till blieb ruhig und entgegnete: „So manche List wurde durch den Hunger erdacht. Zudem tat ich Euch nur einen Gefallen, lieber Herr. Heißt es nicht, viel Feind, viel Ehr? So gedachte ich Euch der Feinde viele herbeizublasen.“
Die Hofleute forderten, dass Till für seine Bosheit bestraft werden solle, denn sie vermuteten Verrat. Dem Grafen war das alles nicht geheuer und so ließ er Till in Ruhe. Doch als Turmbläser berief er nun einen seiner Diener. Till nahm er dafür unter seinen Fußknechten auf, damit dieser sich im Kampf gegen die Feinde beweisen konnte.
Das Kriegspielen begeisterte Till jedoch wenig, um nicht zu sagen, es war ihm zuwider. So nahm es nicht Wunder, dass er, wenn es gegen den Feind ging, als Letzter das Tor verließ. Ging es jedoch heim, war er stets der erste, der auf der Burg erschien.
Das blieb dem Grafen nicht verborgen und bald stellte er Till zur Rede.
„Wie könnt Ihr mir deshalb zürnen“, entgegnete Eulenspiegel beherzt, „bin ich doch in Eurem Dienst schwach und kraftlos geworden, da ich so lang auf dem Turme saß und hungern musste. Wenn Ihr mich die Zeit, die ich dort schmachtete, nachholen und an Eurer Tafel essen und trinken lasst, dann will ich der erste am Feinde sein. Der Schuh weiß, wo der Strumpf die Löcher hat.“
Der Graf rollte mit den Augen, dann aber schluckte er seinen Zorn herunter und sprach: „Du hast deinen eigenen Kopf, Eulenspiegel. Sieh dich vor, dass du ihn auch auf den Schultern behältst.“
Till wusste, dass es hier klüger war zu schweigen.
Länger wollte der Graf seinen Fußknecht auch nicht behalten und entließ ihn aus seinem Dienst.

21. Geschichte

am 13. Juni 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel dazu kam, Wein und Bier zu lieben

Till war gerne in Gesellschaft. Vor allem liebte er Wirtshäuser, in denen er ohne zu zahlen zechen konnte. Allerdings gab es auch Dinge, die er nicht mochte. Davon waren ihm drei besonders verhasst. Esel konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Wenn man auf diesen störrischen Viechern ritt, war man schnell Spott und Hohn ausgeliefert.
Kinder mochte Till fast ebenso wenig. Laut und vorwitzig verdarben sie einem die Laune. Trotzdem waren sie die Lieblinge der Erwachsenen. Damit stahlen sie Till schnell die Aufmerksamkeit seines Publikums.
Was er dann auch noch nicht ertragen konnte, waren Gastwirte, die freigiebig und gutmütig waren. Nach Tills Meinung war durch Menschenliebe kein Weiterkommen, so dass es nicht Wunder nahm, wenn alle diese Herbergsbesitzer am Hungertuch nagten.
Für sein Leben gern aß und trank Till, trotzdem wünschte er sich vor jedem Happen eine gesegnete Mahlzeit. Die Speisen konnten frisch aus dem Garten oder vom Knochenhauer kommen und der Gesundheit sehr förderlich sein, auf den Tischsegen verzichtete er nicht. Den gab er selbst den Arzneien aus der Apotheke, obwohl gerade diese gesund sein sollten. In Till wohnte jedoch der Zweifel und so standen für ihn gerade die Arzneien im Zeichen der Krankheit. Immer, was er auch tat, befürchtete er, auf eine nicht natürliche Art und Weise den Löffel abzugeben. Deshalb blieb er auch vor jedem umgestürzten Balken, herabgefallenen Stein oder jeder vom Dach gewehter Schindel stehen. Jedes Mal pflegte er dann zu sagen: „Welch ein Glück, dass ich nicht darunter stand. Hätte ich’s getan, wäre ich jetzt mausetot.“
Till liebte das Leben und dankte für jeden Tag, den er auf Erden wandeln durfte.
Den stärksten Trank, den Till kannte, war das klare Wasser.
„Das Wasser treibt die schweren Mühlräder an und den braven Mann ins Grab“, pflegte er stets zu sagen.
Das war auch der Grund weshalb er vom Wasser lernte, Wein und Bier den Vorrang zu geben.

20. Geschichte

am 06. Juni 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Mehl beutelte

Als es Till bei seiner Wanderung in Richtung Norden nach Uelzen verschlug, erinnerte er sich an seine Erfahrungen im Bäckerhandwerk. Bisher war er damit gut gefahren und so sah er sich wieder nach einem Meister um, der einen Knecht suchte. Ein solcher war auch bald gefunden, doch Till bekam schnell zu spüren, dass er einen knauserigen Dienstherren erwischt hatte.
Schon am folgenden Tag verlangte er von Till, dass er die Nacht hindurch das Mehl beutle. Er selbst wolle dann am nächsten Morgen, vor dem üblichen Aufstehen, backen. Till nahm sich nach dem Dunkelwerden das Beuteltuch und bat den Bäckermeister um ein Licht. Der schüttelte sein Haupt und murrte: „Wozu willst du Licht? Meine Knechte haben immer im Mondlicht gebeutelt.“
Folgsam nickte Till und versprach, sich genau nach dem Geheiß des Meisters zu richten.
Der wendete sich darauf zufrieden gähnend zum Gehen und begab sich schnurstracks in sein Bett.
Kaum war Till allein, öffnete er das Fenster der Backstube. Der Mond schien vom wolkenlosen Himmel. Voller Eifer hielt Till den Mehlbeutel nach draußen in das Licht und begann ihn nach Herzenslust zu klopfen und zu schütteln. Das feine Mehl stäubte hinaus, Kleie und Grieß blieben zurück. Diese behielt er in der Backstube. Die ganze Nacht hindurch war er am Beuteln und Stäuben. Bald sah der Hof aus, als habe es geschneit.
Gerade als Till den letzten Beutel entstaubte, öffnete sich die Tür und der Bäcker kam herein. Zuerst wusste dieser gar nicht, wie ihm war. Sein Geselle beutelte das gute Mehl zum Fenster hinaus. Als er zu Till gelaufen kam, erblickte er das Unheil auf dem Hof.
„Was hast du angerichtet, du Unglücksmensch?!“
Arglos zuckte Till mit den Schultern.
„Was ist Euch, lieber Meister? Sagtet ihr nicht, ich solle in den Mondschein beuteln um Licht zu sparen? Ich habe mich genau nach Eurem Wort gerichtet.“
Der Bäcker schlug sich vor den Kopf.
„Du solltest beim und nicht im Mondlicht beuteln.“
Till tat, als verstünde er den Ärger des Bäckers nicht.
„Seid doch zufrieden, lieber Meister. Ich habe beides getan, sowohl im als auch beim Mondenschein gebeutelt. Wenn Euch dies jedoch nicht gefällt, dann will ich hinauseilen und das Mehl im Hof zusammenfegen, um es zurückzuholen.“
„Ach, bevor du das Mehl beisammen hast“, klagte der Bäcker, „ist die Backzeit vorbei. Meine lieben Kunden werden zu einem anderen Bäcker gehen und dort ihr Brot kaufen.“
Verständnislos zuckte Till mit den Schultern.
„Wenn Ihr das befürchtet, lieber Meister, dann lasst mich von einem anderen Bäcker den Teig für Euch holen.“
Das verschlug dem Geizkragen kurz die Sprache. Er lief im Gesicht rot an und begann zu schreien: „Du elender Schelm, bevor du dich am Teig der anderen Bäckern vergreifst, fahre zum Galgen und hol den gehenkten Dieb.“
Das ließ sich Till nicht zweimal sagen. Bevor der Bäcker ein weiteres Wort herausbekam, stürzte er aus der Backstube und lief zum Galgenberg. Flugs hatte er den kürzlich Gehenkten aus der Schlinge befreit und trug ihn zu seinem Meister in die Backstube.
„Hier habt Ihr ihn“, keuchte Till und wuchtete die Leiche auf den Tisch.
Nun blieb dem Bäcker die Luft gänzlich weg. Er wurde dunkelrot im Gesicht und stammelte: „Du hast… das Gericht… beraubt… Ich… ich zeig dich an… du wirst sehen… was du… davon hast.“
Darauf lief er, in Pantoffeln und ohne Rock, aus dem Haus.
Till folgte ihm auf dem Fuße.
Der Bäcker war so aufgeregt, dass er dies nicht bemerkte. Auf dem Marktplatz traf er auf den Bürgermeister und lief ihm aufgeregt entgegen. Sogleich begann er über seinen Knecht zu klagen.
Till, der sich dicht neben ihn stellte, riss weit beide Augen auf.
Nun fiel er dem Bäcker doch auf. In seiner Rage vergaß dieser seine Rede und ballte beide Fäuste.
„Was läufst du mir nach? Was willst du hier?“
„Nichts besonderes, lieber Meister“, entgegnete Till ruhig, „nur sagtet Ihr nicht, ich werde sehen, was ich davon habe? Das kann ich aber nur, wenn ich dabei bin.“
„Geh mir aus den Augen, du arger Schelm“, brüllte der Bäcker nun.
„So hat man mich oft geheißen“, antwortete Till lachend. „Doch glaube ich nicht, dass ich Euch in den Augen sitze, denn sonst müsste ich euch zur Nase herauskriechen. Mit Gehen ist da wenig getan.“
Als der Bürgermeister dies hörte, schüttelte er den Kopf. Er vermeinte, zwei Narren vor sich zu haben und ging seines Weges.