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Mit diesem Blog möchte ich einem lang gehegten Wunsch, die Abenteuer des Till Eulenspiegel niederzuschreiben, nachgehen. Dabei halte ich mich an die alten Überlieferungen, die ich in Anekdoten mit meinen Worten wiedergebe.

Archiv des Monats Mai 2010

19. Geschichte

am 23. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Eulen und Meerkatzen buk

In Braunschweig angelangt schaute sich Till auf dem Markt um. Er war noch immer nicht zu Geld gekommen und brauchte eine Anstellung. Dafür suchte er die Herberge auf, in der die Bäckerzunft regelmäßig zechte. Nicht lange und ein Bäckermeister sprach ihn an. Er suchte einen Knecht und fragte Till, was er gelernt habe.
Beherzt entgegnete der: „Ich bin Bäckergeselle, guter Mann.“
Das freute den Bäcker und er bot Till an, bei ihm in Dienst zu treten. Das ließ sich Till nicht zweimal sagen und er schlug ein. Der Bäcker nahm ihn eilends mit zu sich und ließ ihn ein paar Proben seines Könnens abliefern. Da sich Till recht anstellig zeigte, nahm ihn der Bäcker auf. Am Abend sprach er zu ihm: „Höre, mir zu, Knecht, wenn ich dich als Geselle behalten soll, so musste du bis zum Morgengrauen arbeiten. In der Frühe muss die Arbeit fertig sein.“
„Mir soll’s recht sein, lieber Meister“, sprach Till artig, „Ihr müsst mir nur sagen, was ich backen soll.“
Der Bäcker war ein ungeduldiger Mann. So viel Dummheit konnte er kaum fassen. Er wurde wütend und spottete: „Du willst ein Bäckergeselle sein? Was wird man in so einer Backstube schon backen? Eulen und Meerkatzen natürlich!“
Till schwieg und nickte.
Noch immer schimpfend, verließ der Meister seinen Gesellen und schlug die Tür hinter sich ins Schloss.
Ohne zu zögern machte sich Till an die Arbeit. Er nahm den angesetzten Teig und knetete daraus bis auf den letzten Krümel Eulen und Meerkatzen. Er verwendete sein ganzes Können und als er fertig war, schob er alles in den Ofen.
Am Morgen, bevor der Laden geöffnet wurde, kam der Meister in die Backstube, um nachzusehen, ob sein neuer Geselle auch brav Semmeln und Wecken fertig gebacken hatte. Wie war ihm jedoch, als er in den Regalen keines der von ihm erhofften Backwaren entdeckte. Aus allen Ecken schauten ihm Eulen und Meerkatzen entgegen.
Dem Bäcker kam das kalte Grausen und er schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Du Unglücksmensch“, rief er, „dass dich das Fieber schüttle. Was beim Gottseibeiuns hast du gebacken?“
Till zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Ich buk, was Ihr mir geheißen habt, Eulen und Meerkatzen.“
Die Zornesröte stieg dem Meister ins Gesicht und er packte Till am Kragen.
„Du Lümmel, du Tagedieb! Was soll ich mit dem Narrenzeug anfangen ? Das kauft mir doch keiner ab. Den Teig bezahlst du mir.“
„Wie ihr wollt“, entgegnete Till seelenruhig, „wenn Ihr mir die Ware gebt, dann bezahle ich euch den Teig.“
„Was frage ich nach solcher Ware“, schimpfte der Bäcker, „Eulen und Meerkatzen kann ich in meinem Laden nicht gebrauchen.“
Till bezahlte, was der Meister verlangte. Er nahm sich ein paar ausgediente Körbe und schaffte sein Backwerk in die Herberge, in die er sich einquartiert hatte. Beim Frühstück dachte er dann bei sich: „Die Leute sagen, in Braunschweig kann man jedes Ding zu Geld machen, sei es auch noch so seltsam.“
Draußen begann es gerade zu schneien. Die Kinder kamen auf die Straßen und tollten herum. Es war nun gerade kurz vor dem Nikolaustag und Till verlor nun keine Zeit mehr. Er schaffte seine Backwaren auf den Markt und begann seine Eulen und Meerkatzen lautstark anzupreisen. Die Kinder bestürmten ihre Eltern, etwas von dem lustigen Backwerk zu kaufen. Im Handumdrehen wurde Till seine Ware los, so dass er sie zum Ende hin immer teurer auspreisen konnte. So kam er zu einem stattlichen Batzen Geld und machte letztendlich einen guten Gewinn.
Die Kunde vom einträglichen Brotverkauf drang alsbald zum Bäcker. Der wunderte sich nicht schlecht und eilte zum Markt, denn er glaubte von Till eine Nachzahlung erheischen zu können. Schließlich müsse ihm dieser noch das Feuerholz und den ausgebliebenen Verdienst bezahlen.
Als der Bäcker jedoch schnaufend den Markt erreichte und nach Till Ausschau hielt, fand er nur noch die leeren Körbe vor.

18. Geschichte

am 16. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Brot vermehren wollte

Für jeden Anlass hatte Till eine Redewendung parat.
„Treue bringt Brot“, pflegte er gerne zu sagen, wenn er den Lohn für eine Schelmerei kassierte. Was sollte ihn zu einem rechtschaffenen Handwerk treiben, wenn das Geld doch auf der Straße lag? Man musste nur die Augen offen halten, um es auch zu sehen. Solcher Redensarten wegen glaubten viele, Till sei eine Weiser. Doch eines Tages schlug er sich selbst mit einem seiner Sprüche ein Schnippchen.
In dem Jahr, als es Till nach Halberstadt verschlug, hielt der Frost schon recht früh Einzug. Er fror erbärmlich und in seiner Tasche verlor sich ein einsamer Schilling. Bald gesellte sich auch noch der Hunger zu ihm. Der begann jedoch bald seine Gedanken zu beflügeln. Er überlegte, wie er mit seinem letzten Vermögen Wucher treiben könnte. Wie er so in seinem Kopf die verschiedenen Sprüchlein abspulte, kam ihm der eine in den Sinn: „Wer Brot hat, dem gibt man Brot.“
Wie gedacht, so getan. In Halberstadt suchte er den nächsten Bäcker auf und kaufte vier Brötchen im Wert zu je drei Witten. Mit diesen ging er auf den Markt, wo er vor dem Dom einen verwaisten Tisch vorfand. Auf diesem breitete er sein erworbenes Backwerk aus. Sogleich begann er die vorüberziehenden Leute anzusprechen und versuchte ihnen weiszumachen, dass zu dem feilgebotenen Gebäck bald neues hinzukäme. Das währte jedoch nicht lange, denn ein großer Hund näherte sich ihm neugierig und schnappte sich eines der Brötchen. Das wollte sich Till nicht gefallen lassen und er sprang dem Hund hinterher. Dabei fiel der Tisch um und die Brötchen kullerten über den Boden. Eine Sau, die in der Nähe mit ihren Ferkeln nach Nahrung suchte, kam sogleich herbei und teilte sich mit ihrer Nachkommenschaft die auf dem Boden verteilten Reste.
Als Till zu seinem Stand zurückkehrte und die Schererei sah, hob er die Arme und lachte.
„Jetzt sehe ich es selbst“, rief er, „das Sprüchlein, wonach Brot zu Brot kommen soll, ist Unsinn.“
Ihm fiel jedoch sofort eine neue Redensart ein und er sprach: „Aus leeren Säcken kann eben niemand Geld zählen.“
Mit einem Kratzfuß verbeugte er sich vor dem Dom und machte sich mit knurrendem Magen weiter auf den Weg nach Braunschweig.

17. Geschichte

am 09. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Kranke heilte

Auf seiner Wanderung verschlug es Till auch einmal nach Nürnberg. An allen öffentlichen Gebäuden, wie Rathaus und Kirchen, hängte er einen Zettel, auf dem stand, dass er ein berühmter Medikus sei, der alle Krankheiten heilen könne.
Im Jahre 1332 war gerade das Hospital „Zum Heiligen Geist“ fertig geworden. Kaum das die Betten im großen Saal standen, füllten sie sich auch schon mit Hinfälligen und Siechen. Bald gab es keinen freien Platz mehr. Einige Lagerstätten waren sogar mit zwei Kranken belegt, so dass die Pfleger alle Hände voll zu tun hatten.
Dem Vorsteher des Spitals kam bald auch einer der Zettel von Eulenspiegel unter die Augen. Er machte sich sofort auf den Weg zum Wunderdoktor, denn er wünschte sich weniger Patienten mit mehr Gesundheit in seinem Spital. Als er Till sein Anliegen vorgebracht hatte, erklärte sich dieser sofort bereit, für ein Endgeld von 200 Gulden alle Kranken dazu zu bringen, die Betten zu verlassen. Wenn ihm dies nicht gelänge, wolle er für seine Aufwendungen auch keinen Pfennig haben. Das gefiel dem Vorsteher und er schlug in den Handel ein. Damit Till seine Können so schnell wie möglich unter Beweis stellte, zahlte er ihm zwanzig Gulden im Voraus. Das spornte Till mächtig an und er schnappte sich sogleich einen der Knechte, mit dem er sich zum Hospital begab.
Im Krankensaal schlug den Ankömmlingen das ganze Elend entgegen. Die Luft war voll mit Gestank und Wehklagen. Als die Kranken den vermeintlichen Wunderdoktor erblickten, wurde es still. Jeder wog sich in der Hoffnung, dass ihm bald geholfen wurde.
Till ging nun jedes der Betten ab und sprach zu seinen Patienten: „Die Krankheit, die Euch befallen hat, ist von einer Beschaffenheit, dass es nur eine Möglichkeit der Rettung gibt. Einen von euch muss ich zu Pulver verbrennen, damit ich aus diesem und weiteren Ingredienzien eine Medizin für die anderen mischen kann. Wenn ich morgen in der Frühe wiederkomme, werde ich rufen; Wer gesund ist, der trete hinaus! Ihr solltet dann zusehen, so schnell wie möglich ins Freie zu gelangen, denn wer liegen bleibt, den verbrenne ich zu Pulver, denn er ist der Kränkeste von allen. Verpasst meinen Ruf also nicht und sagt es keinem weiter.“
Zusammen mit dem Vorsteher kam Till am nächsten Morgen zurück. Er baute sich neben der Tür auf und rief laut: „Die Gesunden stehen auf und verlassen das Hospital.“
Mit einem Mal kam Leben unter die Siechen. Sie erhoben sich unter Stöhnen und Jammern von ihren Betten. Mühsam humpelten und krochen die Kranken zum Ausgang. Niemand wollte als Letzter zurückbleiben. Als sich dann der Saal geleert hatte und sich keiner von den Kranken mehr in dem Gebäude aufhielt, breitete der Vorsteher voller Freude seine Arme aus und dankte dem Wunderdoktor für dessen Dienst. Endlich durfte er sich ausruhen und konnte den Tag genießen. Till wurde jedoch schon unruhig und drang auf die Auszahlung seines Lohnes. Der Vorsteher war kein Knauser und gab ihm die restlichen 180 Gulden. Kaum hatte Till das Geld in seinem Gepäck, da sattelte er auch schon auf und verließ Nürnberg auf schnellstem Wege.
Dem Vorsteher war kein langes Glück beschieden. Schon nach einer Stunde kehrten die ersten Kranken zurück und bevor die Sonne unterging, war das Hospital wieder dicht bevölkert.
Bekümmert schritt der Vorsteher zwischen den Betten entlang. Dann beugte er sich zu einem der Kranke herab und fragte: “Sage mir, wie kann es sein, dass ihr auf des Wunderdoktors Geheiß wegginget, obwohl er euch doch nicht geheilt hat.“
Der Alte berichtete nun die Geschichte mit dem Pulver.
Zornesröte verfärbte das Gesicht des Vorstehers. Er schüttelte die Fäuste und verfluchte den betrügerischen Doktor bis in alle Ewigkeit. Die Kranken hatte er wieder, doch das Geld war auf Nimmerwiedersehen verloren.

16. Geschichte

am 02. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel ein krankes Kind kurierte

Wer bei bewährter Medizin spart, zahlt später beim Kurpfuscher drauf. Ein ähnlicher Fall trug sich in einer Herberge bei Hildesheim zu. Till kam dort eines Tages vorbei und wollte sich von seiner Reise ausruhen. Er sattelte ab und kehrte ein.
Der Wirt war gerade außer Haus und die Wirtin führte die Wirtschaft allein. Sie sorgte sich zudem um ihr krankes Kind, so dass sie ständig seufzte.
Till, der für seine Mitmenschen immer ein offenes Ohr hatte, fragte sie nach ihrem Kummer.
Bedrückt klagte die Frau: „Oje, mein armes Kindlein. Ach, wenn es nur endlich aufs Töpfchen könnte, dann wäre sicher alles wieder gut.“
Till wusste nun, welchen Geistes die Wirtin war. Er wollte es ihrer Affenliebe schon besorgen.
„Gute Frau“, begann er zu reden, „das Jammern wird Euch wenig helfen. Aber seid guten Mutes, denn ich weiß, wie ich Eurem Kind helfen kann. Habt ein wenig Geduld und es wird von mir geheilt sein.“
Die Frau war sehr vertrauensselig und schenkte Till allzu gerne Glauben. Sogleich hörte sie auf zu heulen. Voller Freude zapfte sie ihm ein Bier, dann lief sie auf den Hof, um endlich die meckernde Ziege zu melken.
Eilig stürzte Till das Bier hinunter. Darauf holte er sich den Nachttopf des Kindes und setzte einen ordentlichen Haufen hinein. Heimlich schob er ihn dann wieder zurück unter das Abortstühlchen.
Als die Wirtin wieder hereinkam und den vollen Nachttopf entdeckte, war sie außer sich vor Freude. Fast wäre ihr die Milchkanne aus der Hand gefallen. Sie lief zu ihrem Kind und rief: „Mein lieber Schatz, wie fein hast du Aa gemacht! Du bist mein allerliebstes Schätzchen. Jetzt wirst ganz, ganz schnell wieder gesund.“
Glückstrahlend bedankte sie sich bei Till und wollte von ihm wissen, durch welche Kur er ihr Kind geheilt habe. Er solle ihr zeigen, woraus die Arznei bestand, die ihr Kind so schnell gesunden ließ. Für das Rezept bot sie ihm jeden Lohn, den er fordern würde.
Till jedoch hatte es auf einmal sehr eilig.
„Mit Gottes Hilfe vermag ich jede Menge meiner Arznei zu machen. Nur führt mich mein Weg bei Euch vorbei und ich muss in diesem Augenblick noch weiter.“
Rasch sattelte er wieder sein Pferd und ritt davon.