Wie Eulenspiegel zwei Hühner briet
Nach einer längeren Wanderung kam Till wieder in die Gegend von Braunschweig. In dem Dorfe Buddenstedt kannte man Till und seine Schelmereien noch nicht und so kam es, dass der Pfarrer des Dorfes Gefallen an ihm fand. Der gute Mann suchte einen Knecht und versprach Till einen guten Dienst bei gleicher Kost wie für sich und die Magd. Zudem sicherte er zu, dass alles mit halber Arbeit zu erledigen sei.
Das gefiel Till. Er nahm mit Handschlag an und sprach: „Ich will mich gewissenhaft nach euren Worten richten.“
Den Haushalt in der Pfarrei führte eine einäugige Magd. Sie mochte Till von Anfang an nicht und misstraute ihm. Als es zwei Hühner zu braten gab, stellte sie ihn an den Herd und trug ihm auf, den Bratenspieß zu drehen.
Till tat wie ihm geheißen. Fleißig wendete er die Vögel über dem Feuer, so dass sie nicht verbrannten. Wie er da so stand und drehte, sah er zu, wie sie immer knuspriger wurden. Der leckere Bratenduft stieg ihm immer fordernder in die Nase. Im begann das Wasser im Maule zusammenzulaufen. Er hielt es nicht mehr aus und riss sich einen Flügel ab. Flink hatte er ihn verspeist und bis auf die Knochen abgenagt. Nun war er aber erst auf den Geschmack gekommen.
„Mit einem Flügel lässt sich nicht gut fliegen“, sprach er für sich und brach sich den anderen Flügel ab. Allerdings konnte das Tills Gieper nicht stillen.
„Ob das Huhn gut durchgebraten ist oder nicht, prüft man am besten, wenn man hineinbeißt“, legte er fest und riss sich auch eine Keule ab. Schmatzend verschlang er das dampfende Fleisch und ließ sich die würzige Haut schmecken. Nun musste er jedoch feststellen, dass der Vogel völlig zerfleddert aussah.
„So geht das nicht. Die einäugige Magd merkt sofort, dass hier etwas nicht stimmt.“
Beherzt nahm sich Till die andere Keule und verschlang sie ohne zu zaudern. Damit war die Ungleichmäßigkeit beseitigt, doch einen wirklich guten Anblick bot das invalide Huhn nicht. Jetzt kam Till wieder in den Sinn, dass ihm der Pfarrer eine gleiche Kost wie für sich und die Magd versprochen hatte.
„Ach was“, sagte Till, „ich würde den braven Gottesmann doch Lügen strafen, wenn ich mir nicht meinen versprochenen Teil nehme. Folglich ist es weise gehandelt, wenn ich das eine Huhn ganz aufesse.“
Gesagt, getan und schon bald war das Huhn, bis auf die blankgenagten Knochen, in Tills Magen verschwunden. Noch leckte er sich die Finger, als die Magd in die Küche kam und zu ihm an den Herd trat.
„Es waren doch vorhin noch zwei Hühner auf dem Spieß“, sprach sie, „jetzt ist es nur noch eines da. Wo ist das andere geblieben?“
Till verwunderte sich sehr über ihre Rede
“Warum öffnet ihr nicht beide Augen, liebe Frau, dann würdet ihr auch beide Hühner sehen.“
Darüber erboste sich die Magd.
„So ein Schelm“, schimpfte sie und begab sich gleich zum Pfarrer, um sich bei ihm über den frechen Knecht zu beschweren.
Der Pfarrer zeigte sich verärgert und kam mit seiner Magd sogleich in die Küche.
„Weshalb treibst du Schabernack mit meiner Magd?“ wollte er von Till wissen.. „Ich sehe sehr wohl, dass nur ein Huhn auf dem Spieß steckt, obwohl es zuvor zwei waren.“
„Da habt ihr wohl recht, Herr“, entgegnete Till.
Nun war der Pfarrer verdutzt.
„Ja, wenn vorher zwei Hühner auf dem Spieß waren, wo ist dann aber das andere geblieben?“
Till grinste pfiffig.
„Aber das andere Huhn steckte doch auf dem Spieß, Herr. Ihr müsst nur beide Augen öffnen, dann seht ihr es. Genauso sagte ich es der Magd, darauf wurde sie wütend.“
Als der Pfarrer dies vernahm, musste er lachen.
„Du bist mir ein rechter Schelm“, gluckste er, „dann ist eben nur das eine Huhn da und das andere ist weg. Aber erkläre mir, wo ist das zweite geblieben?“
Nun konnte sich Till nicht mehr herausreden.
„Es ist tatsächlich so“, sprach er, „dass ich das eine Huhn gegessen habe. Ich tat es deshalb, weil Ihr mir versprochen habt, dass ich bei Euch genauso gut essen dürfe, wie Ihr und Eure Magd. Hättet Ihr die Hühner nun ohne mich verspeist, ohne dass ich etwas abbekäme, so wäret ihr ein Lügner. Das wollte ich nicht zulassen und aß das Huhn auf.“
Da dem Pfarrer die gewitzte Ausrede zusagte, beließ er es bei folgender Belehrung: „Es geht mir wahrlich nicht um das eine Huhn, mein lieber Knecht. Allerdings möchte ich, dass du nun immer das tust, was meine Magd gerne sieht.“
Till versprach, sich genau nach den Worten des Pfarrers zu richten. Die Gelegenheit dafür sollte er dann auch bald bekommen. Er erledigte alles halb, was ihm die Einäugige auftrug. Er holte nur zwei statt vier Scheite für den Herd oder brachte den Eimer Wasser nur zur Hälfte gefüllt. Ein Maß Bier ließ er in der Wirtschaft nur halb füllen und so setzte er es in einem fort.
Die Magd fühlte sich auf den Arm genommen. Sie ließ es sich Eulenspiegel gegenüber nicht anmerken, aber dem Pfarrer gegenüber beschwerte sie sich von Mal zu Mal. Als die Klagen dann zu heftig wurden, sah sich der Pfarrer genötigt, Till ins Gebet zu nehmen.
„Mein lieber Knecht“, begann er, „die Magd beklagt sich Tag für Tag über dich. Bat ich dich nicht, alles so zu tun, wie sie es gerne sieht?“
Till zeigte sich verzweifelt, als er anhob, darauf zu antworten: Aber ja, Herr Pfarrer, so habe ich es getan. Erstens hattet Ihr mir versprochen, alles könne mit halber Arbeit erledigt werden. Zweitens solle ich tun, wie Eure Magd sieht. Ihr eines Auge jedoch kann sicher nur die Halbe Arbeit sehen.“
Da der Pfarrer selbst einem Spaß nicht abgeneigt war, wollte er Till nicht gram sein. Jedoch war mit der Magd nun kein gutes Auskommen mehr.
„Herr Pfarrer“, rief sie mit bebender Stimme, „ich kann mit diesem lächerlichen Buben keinen weiteren Tag mehr unter einem Dach verweilen. Entweder Ihr trennt Euch von ihm oder von mir.“
Dies wollte der Pfarrer natürlich nicht. Da vor kurzem der Küster des Dorfes verstorben war, ging er zu den Bauern und verhandelte mit ihnen, damit er seinen Knecht für diese Stelle berufen konnte. Nach einigem hin und her kamen sie überein und Till wurde Kirchendiener in Buddenstedt.