9. Geschichte
am 07. März 2010 unter Allgemein abgelegtWie Eulenspiegel in einem Bienenstock nächtigte
Des schönen Wetters wegen begaben sich Eulenspiegel und seine Mutter zu einem Jahrmarkt in eines der benachbarten Dörfer. Sie waren guter Dinge und so hielt sich die Mutter mit Vorhaltungen gegenüber ihrem Sohn zurück.
Die Leute kamen aus der ganzen Umgebung. Auf dem Dorfplatz waren Buden aufgebaut und es wurde allerlei Zeug verkauft. Eine Weile ging Till noch mit seiner Mutter, doch bald fand er eine andere Richtung und landete in einem Wirtshaus. Es wurde getrunken, gewürfelt und getanzt. Auch Till schwang mit einer drallen Magd das Tanzbein, doch viel lieber hob er den Bierkrug. Die Zeit verging und es wurde Abend. Sonst um kein Wort verlegen, spürte Till die Müdigkeit und das Necken und Spaßen fiel ihm zunehmend schwerer. Er ging hinaus und hielt nach einem Ort, wo er ungestört ein Nickerchen halten konnte, Ausschau. In einem Bauerngarten fand er einige leere Bienenkörbe aufgereiht. Er überlegte nicht lange und kroch in einen, den er für den bequemsten hielt. Bald darauf schlief er ein.
Zur Mitternacht, als die Leute schon längst nach Hause gegangen waren, schlichen zwei Diebe durch das Dorf. Der Mond stand hoch und so fanden sie sich gut zurecht. Als sie die Bienenkörbe sahen, blieben sie stehen.
„He, lass uns von dem Honig nehmen“, flüsterte der eine.
„Gut, dann holen wir uns den schwersten Korb, denn darin wird der meiste Honig sein“, wisperte der andere zurück.
Nacheinander hoben sie die Bienenkörbe an, bis sie auf den mit Till darin stießen.
„Der hier ist der beste“, stellten die zwei gemeinsam fest.
Sie steckten den Korb auf einen kräftigen Stock. Der eine fasste vorne, der andere hinten an und sie hoben die Last gemeinsam auf ihre Schultern. So schlichen sie sich aus dem Dorf hinaus.
Till, der darüber wach geworden war, verhielt sich mucksmäuschenstill und dachte nach, was er tun sollte.
Bald legten sich Wolken vor den Mond und es wurde stockfinster.
Die Diebe stolperten und fluchten. Da kam Till ein Gedanke. Er streckte vorsichtig die Hand heraus und griff dem Vordermann kräftig ins Haar.
„Warum ziehst du mir an den Haaren?“ rief der und strauchelte.
„Du träumst wohl. Pass lieber auf, wohin du trittst“, entgegnete der andere.
Dieser Streit war ganz nach Tills Gefallen. Nach einer Weile fingerte er nach dem Bart des Hintermannes und riss derb daran.
„Bist du von Sinnen!“ brüllte der stolpernd.
„Was willst du?“ fragte der andere gereizt.
„Du hast mir am Bart gezogen“, schimpfte der Hintermann.
„Wie soll ich nach hinten greifen und dir am Bart ziehen können?“ wollte der Vordermann wissen.
Die Worte flogen hin und her. Die Unflätigkeiten nahmen zu und die beiden gerieten immer mehr gegeneinander in Zorn. Dann warf der eine den Stock von der Schulter, so dass der andere mitsamt der Last fast in den Weggraben gestürzt wäre. Nun war kein Halten mehr, die beiden Diebe gingen aufeinander los. Blindlings zimmerten sie sich die Fäuste ins Gesicht.
Till, der mit dem Bienenstock einigermaßen sanft in den trockenen Graben gepurzelt war, lachte sich heimlich ins Fäustchen.
Die Streithähne prügelten sich weiter, bis einer von ihnen wegzulaufen begann. Das Schimpfen des anderen hallte noch einige Zeit durch die Nacht, bis auch das verstummte.
Till, dessen Kopf vom Bier noch immer brummte, kauerte sich in dem Korb zusammen und schlief bis zum Morgen seinen Rausch aus.
Als er dann, vom Vogelgezwitscher geweckt, aus seinem Nachtquartier hervor kroch, besann er sich eine Weile. Auf dem Weg fand er noch einen Zahn. Dann kam er zu einem Entschluss. Er wollte sein zu Hause verlassen. Es war ihm einfach zu eng dort. Ohne weiter zu zögern nahm er den Weg, auf den ihn die beiden Strauchdiebe gebracht hatten.