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Mit diesem Blog möchte ich einem lang gehegten Wunsch, die Abenteuer des Till Eulenspiegel niederzuschreiben, nachgehen. Dabei halte ich mich an die alten Überlieferungen, die ich in Anekdoten mit meinen Worten wiedergebe.

22. Geschichte

am 27. Juni 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie sich Eulenspiegel als Turmbläser verdingte und Missfallen erregte

Nachdem Till Uelzen schleunig den Rücken gekehrt hatte, verschlug es ihn bald nach Bernburg. Es war im Jahr 1334, als er dort beim Grafen von Anhalt auf dem Schlosse eine Anstellung fand. Die Stelle des Turmbläsers war gerade frei geworden und so hielt sich Till für nicht zu fein, diese anzunehmen. Er bekam eine Kammer in dem Bergfried und sollte dafür in der Umgebung nach Feinden Ausschau halten. Für den Fall vor ihnen zu warnen, besaß er ein großes Blashorn.
Da saß Till nun auf seinem Turm in einer zugigen Kammer und sah sich die Augen wund. Mit der Zeit wurde es ihm langweilig und so begann er sich immer mehr für das Geschehen in der Burg zu interessieren. Dabei fielen ihm besonders die Speisen und Getränke auf, die von der Küche in das Hauptgebäude getragen wurden. Bei einem Fest, das der Graf mit seinen Rittern feierte, bog sich die Tafel unter den üppig aufgetragenen Krügen und Schüsseln voller Bier, Braten und Brot. An einem Spieß drehte sich über dem Feuer ein Ochse, dessen Bratenduft zu Till hinaufstieg. Er hielt die Versuchung nicht mehr aus und begab sich auf die andere Seite des Turmes und ließ seinen Blick gelangweilt über die Landschaft schweifen. Er sah, wie fremde Reiter aus der Ferne herankamen und das Vieh, welches vor der Stadt weidete, mit sich nahmen. Hätte sich der Hirtenjunge nicht auf die Burg gerettet und von dem Diebstahl berichtet, wäre der Raub auf der Burg unbemerkt geblieben. Als nun der Graf davon erfuhr, stellte er Till wütend zur Rede und wollte von ihm wissen, weshalb er den Feind nicht anblase. Eulenspiegel war um keine Ausrede verlegen und entgegnete: „Vor dem Essen tanze ich nicht gern. Ich darf auch keine Feinde mehr heranblasen, seht nur, das Feld ist schon voll von ihnen und ein Teil ging schon mit dem Vieh davon. Wollte ich noch mehr heranblasen, würden sie euch sicher noch das Tor einschlagen.“
Der Graf fluchte und ließ seine Reiter aufsitzen, um die Viehdiebe zu stellen. Es gelang ihnen und sie konnten sogar das gestohlene Vieh zurückholen. In Siegerlaune kehrten sie auf die Burg heim. Das Fest wurde nun noch ausgelassener fortgesetzt.
Till war vergessen und saß vor Hunger schmachtend in seinem Turm. Ihm knurrte der Magen und leckte der Zahn. Gerade als man unten im Hof den Ochsen über dem Feuer anschneiden wollte, blies er aus voller Brust ins Horn und rief: „Feinde! Feinde rücken an!“
Der Graf und die Seinen sprangen auf und warfen sich in wilder Eile in die Harnische und stürzten auf ihren Pferden zum Tor hinaus.
Till lief behände die Treppe hinab und setzte sich an die Tafel auf den Platz des Grafen. Er nahm sich vom Gebratenen, Gesottenen und trank, wie es ihm beliebte. Als er dann kein Stück mehr herunterbekam, trollte er sich und stieg wieder auf seinen Turm.
Nicht lange und der Graf kehrte mit seinen Reitern zurück. Zornentbrannt kam er unter den Turm und schüttelte die Fäuste.
„Du verdammter Schalk, was bläst du ‚Feind in Sicht’ wenn keiner zu sehen ist?“
Till blieb ruhig und entgegnete: „So manche List wurde durch den Hunger erdacht. Zudem tat ich Euch nur einen Gefallen, lieber Herr. Heißt es nicht, viel Feind, viel Ehr? So gedachte ich Euch der Feinde viele herbeizublasen.“
Die Hofleute forderten, dass Till für seine Bosheit bestraft werden solle, denn sie vermuteten Verrat. Dem Grafen war das alles nicht geheuer und so ließ er Till in Ruhe. Doch als Turmbläser berief er nun einen seiner Diener. Till nahm er dafür unter seinen Fußknechten auf, damit dieser sich im Kampf gegen die Feinde beweisen konnte.
Das Kriegspielen begeisterte Till jedoch wenig, um nicht zu sagen, es war ihm zuwider. So nahm es nicht Wunder, dass er, wenn es gegen den Feind ging, als Letzter das Tor verließ. Ging es jedoch heim, war er stets der erste, der auf der Burg erschien.
Das blieb dem Grafen nicht verborgen und bald stellte er Till zur Rede.
„Wie könnt Ihr mir deshalb zürnen“, entgegnete Eulenspiegel beherzt, „bin ich doch in Eurem Dienst schwach und kraftlos geworden, da ich so lang auf dem Turme saß und hungern musste. Wenn Ihr mich die Zeit, die ich dort schmachtete, nachholen und an Eurer Tafel essen und trinken lasst, dann will ich der erste am Feinde sein. Der Schuh weiß, wo der Strumpf die Löcher hat.“
Der Graf rollte mit den Augen, dann aber schluckte er seinen Zorn herunter und sprach: „Du hast deinen eigenen Kopf, Eulenspiegel. Sieh dich vor, dass du ihn auch auf den Schultern behältst.“
Till wusste, dass es hier klüger war zu schweigen.
Länger wollte der Graf seinen Fußknecht auch nicht behalten und entließ ihn aus seinem Dienst.

21. Geschichte

am 13. Juni 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel dazu kam, Wein und Bier zu lieben

Till war gerne in Gesellschaft. Vor allem liebte er Wirtshäuser, in denen er ohne zu zahlen zechen konnte. Allerdings gab es auch Dinge, die er nicht mochte. Davon waren ihm drei besonders verhasst. Esel konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Wenn man auf diesen störrischen Viechern ritt, war man schnell Spott und Hohn ausgeliefert.
Kinder mochte Till fast ebenso wenig. Laut und vorwitzig verdarben sie einem die Laune. Trotzdem waren sie die Lieblinge der Erwachsenen. Damit stahlen sie Till schnell die Aufmerksamkeit seines Publikums.
Was er dann auch noch nicht ertragen konnte, waren Gastwirte, die freigiebig und gutmütig waren. Nach Tills Meinung war durch Menschenliebe kein Weiterkommen, so dass es nicht Wunder nahm, wenn alle diese Herbergsbesitzer am Hungertuch nagten.
Für sein Leben gern aß und trank Till, trotzdem wünschte er sich vor jedem Happen eine gesegnete Mahlzeit. Die Speisen konnten frisch aus dem Garten oder vom Knochenhauer kommen und der Gesundheit sehr förderlich sein, auf den Tischsegen verzichtete er nicht. Den gab er selbst den Arzneien aus der Apotheke, obwohl gerade diese gesund sein sollten. In Till wohnte jedoch der Zweifel und so standen für ihn gerade die Arzneien im Zeichen der Krankheit. Immer, was er auch tat, befürchtete er, auf eine nicht natürliche Art und Weise den Löffel abzugeben. Deshalb blieb er auch vor jedem umgestürzten Balken, herabgefallenen Stein oder jeder vom Dach gewehter Schindel stehen. Jedes Mal pflegte er dann zu sagen: „Welch ein Glück, dass ich nicht darunter stand. Hätte ich’s getan, wäre ich jetzt mausetot.“
Till liebte das Leben und dankte für jeden Tag, den er auf Erden wandeln durfte.
Den stärksten Trank, den Till kannte, war das klare Wasser.
„Das Wasser treibt die schweren Mühlräder an und den braven Mann ins Grab“, pflegte er stets zu sagen.
Das war auch der Grund weshalb er vom Wasser lernte, Wein und Bier den Vorrang zu geben.

20. Geschichte

am 06. Juni 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Mehl beutelte

Als es Till bei seiner Wanderung in Richtung Norden nach Uelzen verschlug, erinnerte er sich an seine Erfahrungen im Bäckerhandwerk. Bisher war er damit gut gefahren und so sah er sich wieder nach einem Meister um, der einen Knecht suchte. Ein solcher war auch bald gefunden, doch Till bekam schnell zu spüren, dass er einen knauserigen Dienstherren erwischt hatte.
Schon am folgenden Tag verlangte er von Till, dass er die Nacht hindurch das Mehl beutle. Er selbst wolle dann am nächsten Morgen, vor dem üblichen Aufstehen, backen. Till nahm sich nach dem Dunkelwerden das Beuteltuch und bat den Bäckermeister um ein Licht. Der schüttelte sein Haupt und murrte: „Wozu willst du Licht? Meine Knechte haben immer im Mondlicht gebeutelt.“
Folgsam nickte Till und versprach, sich genau nach dem Geheiß des Meisters zu richten.
Der wendete sich darauf zufrieden gähnend zum Gehen und begab sich schnurstracks in sein Bett.
Kaum war Till allein, öffnete er das Fenster der Backstube. Der Mond schien vom wolkenlosen Himmel. Voller Eifer hielt Till den Mehlbeutel nach draußen in das Licht und begann ihn nach Herzenslust zu klopfen und zu schütteln. Das feine Mehl stäubte hinaus, Kleie und Grieß blieben zurück. Diese behielt er in der Backstube. Die ganze Nacht hindurch war er am Beuteln und Stäuben. Bald sah der Hof aus, als habe es geschneit.
Gerade als Till den letzten Beutel entstaubte, öffnete sich die Tür und der Bäcker kam herein. Zuerst wusste dieser gar nicht, wie ihm war. Sein Geselle beutelte das gute Mehl zum Fenster hinaus. Als er zu Till gelaufen kam, erblickte er das Unheil auf dem Hof.
„Was hast du angerichtet, du Unglücksmensch?!“
Arglos zuckte Till mit den Schultern.
„Was ist Euch, lieber Meister? Sagtet ihr nicht, ich solle in den Mondschein beuteln um Licht zu sparen? Ich habe mich genau nach Eurem Wort gerichtet.“
Der Bäcker schlug sich vor den Kopf.
„Du solltest beim und nicht im Mondlicht beuteln.“
Till tat, als verstünde er den Ärger des Bäckers nicht.
„Seid doch zufrieden, lieber Meister. Ich habe beides getan, sowohl im als auch beim Mondenschein gebeutelt. Wenn Euch dies jedoch nicht gefällt, dann will ich hinauseilen und das Mehl im Hof zusammenfegen, um es zurückzuholen.“
„Ach, bevor du das Mehl beisammen hast“, klagte der Bäcker, „ist die Backzeit vorbei. Meine lieben Kunden werden zu einem anderen Bäcker gehen und dort ihr Brot kaufen.“
Verständnislos zuckte Till mit den Schultern.
„Wenn Ihr das befürchtet, lieber Meister, dann lasst mich von einem anderen Bäcker den Teig für Euch holen.“
Das verschlug dem Geizkragen kurz die Sprache. Er lief im Gesicht rot an und begann zu schreien: „Du elender Schelm, bevor du dich am Teig der anderen Bäckern vergreifst, fahre zum Galgen und hol den gehenkten Dieb.“
Das ließ sich Till nicht zweimal sagen. Bevor der Bäcker ein weiteres Wort herausbekam, stürzte er aus der Backstube und lief zum Galgenberg. Flugs hatte er den kürzlich Gehenkten aus der Schlinge befreit und trug ihn zu seinem Meister in die Backstube.
„Hier habt Ihr ihn“, keuchte Till und wuchtete die Leiche auf den Tisch.
Nun blieb dem Bäcker die Luft gänzlich weg. Er wurde dunkelrot im Gesicht und stammelte: „Du hast… das Gericht… beraubt… Ich… ich zeig dich an… du wirst sehen… was du… davon hast.“
Darauf lief er, in Pantoffeln und ohne Rock, aus dem Haus.
Till folgte ihm auf dem Fuße.
Der Bäcker war so aufgeregt, dass er dies nicht bemerkte. Auf dem Marktplatz traf er auf den Bürgermeister und lief ihm aufgeregt entgegen. Sogleich begann er über seinen Knecht zu klagen.
Till, der sich dicht neben ihn stellte, riss weit beide Augen auf.
Nun fiel er dem Bäcker doch auf. In seiner Rage vergaß dieser seine Rede und ballte beide Fäuste.
„Was läufst du mir nach? Was willst du hier?“
„Nichts besonderes, lieber Meister“, entgegnete Till ruhig, „nur sagtet Ihr nicht, ich werde sehen, was ich davon habe? Das kann ich aber nur, wenn ich dabei bin.“
„Geh mir aus den Augen, du arger Schelm“, brüllte der Bäcker nun.
„So hat man mich oft geheißen“, antwortete Till lachend. „Doch glaube ich nicht, dass ich Euch in den Augen sitze, denn sonst müsste ich euch zur Nase herauskriechen. Mit Gehen ist da wenig getan.“
Als der Bürgermeister dies hörte, schüttelte er den Kopf. Er vermeinte, zwei Narren vor sich zu haben und ging seines Weges.

19. Geschichte

am 23. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Eulen und Meerkatzen buk

In Braunschweig angelangt schaute sich Till auf dem Markt um. Er war noch immer nicht zu Geld gekommen und brauchte eine Anstellung. Dafür suchte er die Herberge auf, in der die Bäckerzunft regelmäßig zechte. Nicht lange und ein Bäckermeister sprach ihn an. Er suchte einen Knecht und fragte Till, was er gelernt habe.
Beherzt entgegnete der: „Ich bin Bäckergeselle, guter Mann.“
Das freute den Bäcker und er bot Till an, bei ihm in Dienst zu treten. Das ließ sich Till nicht zweimal sagen und er schlug ein. Der Bäcker nahm ihn eilends mit zu sich und ließ ihn ein paar Proben seines Könnens abliefern. Da sich Till recht anstellig zeigte, nahm ihn der Bäcker auf. Am Abend sprach er zu ihm: „Höre, mir zu, Knecht, wenn ich dich als Geselle behalten soll, so musste du bis zum Morgengrauen arbeiten. In der Frühe muss die Arbeit fertig sein.“
„Mir soll’s recht sein, lieber Meister“, sprach Till artig, „Ihr müsst mir nur sagen, was ich backen soll.“
Der Bäcker war ein ungeduldiger Mann. So viel Dummheit konnte er kaum fassen. Er wurde wütend und spottete: „Du willst ein Bäckergeselle sein? Was wird man in so einer Backstube schon backen? Eulen und Meerkatzen natürlich!“
Till schwieg und nickte.
Noch immer schimpfend, verließ der Meister seinen Gesellen und schlug die Tür hinter sich ins Schloss.
Ohne zu zögern machte sich Till an die Arbeit. Er nahm den angesetzten Teig und knetete daraus bis auf den letzten Krümel Eulen und Meerkatzen. Er verwendete sein ganzes Können und als er fertig war, schob er alles in den Ofen.
Am Morgen, bevor der Laden geöffnet wurde, kam der Meister in die Backstube, um nachzusehen, ob sein neuer Geselle auch brav Semmeln und Wecken fertig gebacken hatte. Wie war ihm jedoch, als er in den Regalen keines der von ihm erhofften Backwaren entdeckte. Aus allen Ecken schauten ihm Eulen und Meerkatzen entgegen.
Dem Bäcker kam das kalte Grausen und er schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Du Unglücksmensch“, rief er, „dass dich das Fieber schüttle. Was beim Gottseibeiuns hast du gebacken?“
Till zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Ich buk, was Ihr mir geheißen habt, Eulen und Meerkatzen.“
Die Zornesröte stieg dem Meister ins Gesicht und er packte Till am Kragen.
„Du Lümmel, du Tagedieb! Was soll ich mit dem Narrenzeug anfangen ? Das kauft mir doch keiner ab. Den Teig bezahlst du mir.“
„Wie ihr wollt“, entgegnete Till seelenruhig, „wenn Ihr mir die Ware gebt, dann bezahle ich euch den Teig.“
„Was frage ich nach solcher Ware“, schimpfte der Bäcker, „Eulen und Meerkatzen kann ich in meinem Laden nicht gebrauchen.“
Till bezahlte, was der Meister verlangte. Er nahm sich ein paar ausgediente Körbe und schaffte sein Backwerk in die Herberge, in die er sich einquartiert hatte. Beim Frühstück dachte er dann bei sich: „Die Leute sagen, in Braunschweig kann man jedes Ding zu Geld machen, sei es auch noch so seltsam.“
Draußen begann es gerade zu schneien. Die Kinder kamen auf die Straßen und tollten herum. Es war nun gerade kurz vor dem Nikolaustag und Till verlor nun keine Zeit mehr. Er schaffte seine Backwaren auf den Markt und begann seine Eulen und Meerkatzen lautstark anzupreisen. Die Kinder bestürmten ihre Eltern, etwas von dem lustigen Backwerk zu kaufen. Im Handumdrehen wurde Till seine Ware los, so dass er sie zum Ende hin immer teurer auspreisen konnte. So kam er zu einem stattlichen Batzen Geld und machte letztendlich einen guten Gewinn.
Die Kunde vom einträglichen Brotverkauf drang alsbald zum Bäcker. Der wunderte sich nicht schlecht und eilte zum Markt, denn er glaubte von Till eine Nachzahlung erheischen zu können. Schließlich müsse ihm dieser noch das Feuerholz und den ausgebliebenen Verdienst bezahlen.
Als der Bäcker jedoch schnaufend den Markt erreichte und nach Till Ausschau hielt, fand er nur noch die leeren Körbe vor.

18. Geschichte

am 16. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Brot vermehren wollte

Für jeden Anlass hatte Till eine Redewendung parat.
„Treue bringt Brot“, pflegte er gerne zu sagen, wenn er den Lohn für eine Schelmerei kassierte. Was sollte ihn zu einem rechtschaffenen Handwerk treiben, wenn das Geld doch auf der Straße lag? Man musste nur die Augen offen halten, um es auch zu sehen. Solcher Redensarten wegen glaubten viele, Till sei eine Weiser. Doch eines Tages schlug er sich selbst mit einem seiner Sprüche ein Schnippchen.
In dem Jahr, als es Till nach Halberstadt verschlug, hielt der Frost schon recht früh Einzug. Er fror erbärmlich und in seiner Tasche verlor sich ein einsamer Schilling. Bald gesellte sich auch noch der Hunger zu ihm. Der begann jedoch bald seine Gedanken zu beflügeln. Er überlegte, wie er mit seinem letzten Vermögen Wucher treiben könnte. Wie er so in seinem Kopf die verschiedenen Sprüchlein abspulte, kam ihm der eine in den Sinn: „Wer Brot hat, dem gibt man Brot.“
Wie gedacht, so getan. In Halberstadt suchte er den nächsten Bäcker auf und kaufte vier Brötchen im Wert zu je drei Witten. Mit diesen ging er auf den Markt, wo er vor dem Dom einen verwaisten Tisch vorfand. Auf diesem breitete er sein erworbenes Backwerk aus. Sogleich begann er die vorüberziehenden Leute anzusprechen und versuchte ihnen weiszumachen, dass zu dem feilgebotenen Gebäck bald neues hinzukäme. Das währte jedoch nicht lange, denn ein großer Hund näherte sich ihm neugierig und schnappte sich eines der Brötchen. Das wollte sich Till nicht gefallen lassen und er sprang dem Hund hinterher. Dabei fiel der Tisch um und die Brötchen kullerten über den Boden. Eine Sau, die in der Nähe mit ihren Ferkeln nach Nahrung suchte, kam sogleich herbei und teilte sich mit ihrer Nachkommenschaft die auf dem Boden verteilten Reste.
Als Till zu seinem Stand zurückkehrte und die Schererei sah, hob er die Arme und lachte.
„Jetzt sehe ich es selbst“, rief er, „das Sprüchlein, wonach Brot zu Brot kommen soll, ist Unsinn.“
Ihm fiel jedoch sofort eine neue Redensart ein und er sprach: „Aus leeren Säcken kann eben niemand Geld zählen.“
Mit einem Kratzfuß verbeugte er sich vor dem Dom und machte sich mit knurrendem Magen weiter auf den Weg nach Braunschweig.

17. Geschichte

am 09. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel Kranke heilte

Auf seiner Wanderung verschlug es Till auch einmal nach Nürnberg. An allen öffentlichen Gebäuden, wie Rathaus und Kirchen, hängte er einen Zettel, auf dem stand, dass er ein berühmter Medikus sei, der alle Krankheiten heilen könne.
Im Jahre 1332 war gerade das Hospital „Zum Heiligen Geist“ fertig geworden. Kaum das die Betten im großen Saal standen, füllten sie sich auch schon mit Hinfälligen und Siechen. Bald gab es keinen freien Platz mehr. Einige Lagerstätten waren sogar mit zwei Kranken belegt, so dass die Pfleger alle Hände voll zu tun hatten.
Dem Vorsteher des Spitals kam bald auch einer der Zettel von Eulenspiegel unter die Augen. Er machte sich sofort auf den Weg zum Wunderdoktor, denn er wünschte sich weniger Patienten mit mehr Gesundheit in seinem Spital. Als er Till sein Anliegen vorgebracht hatte, erklärte sich dieser sofort bereit, für ein Endgeld von 200 Gulden alle Kranken dazu zu bringen, die Betten zu verlassen. Wenn ihm dies nicht gelänge, wolle er für seine Aufwendungen auch keinen Pfennig haben. Das gefiel dem Vorsteher und er schlug in den Handel ein. Damit Till seine Können so schnell wie möglich unter Beweis stellte, zahlte er ihm zwanzig Gulden im Voraus. Das spornte Till mächtig an und er schnappte sich sogleich einen der Knechte, mit dem er sich zum Hospital begab.
Im Krankensaal schlug den Ankömmlingen das ganze Elend entgegen. Die Luft war voll mit Gestank und Wehklagen. Als die Kranken den vermeintlichen Wunderdoktor erblickten, wurde es still. Jeder wog sich in der Hoffnung, dass ihm bald geholfen wurde.
Till ging nun jedes der Betten ab und sprach zu seinen Patienten: „Die Krankheit, die Euch befallen hat, ist von einer Beschaffenheit, dass es nur eine Möglichkeit der Rettung gibt. Einen von euch muss ich zu Pulver verbrennen, damit ich aus diesem und weiteren Ingredienzien eine Medizin für die anderen mischen kann. Wenn ich morgen in der Frühe wiederkomme, werde ich rufen; Wer gesund ist, der trete hinaus! Ihr solltet dann zusehen, so schnell wie möglich ins Freie zu gelangen, denn wer liegen bleibt, den verbrenne ich zu Pulver, denn er ist der Kränkeste von allen. Verpasst meinen Ruf also nicht und sagt es keinem weiter.“
Zusammen mit dem Vorsteher kam Till am nächsten Morgen zurück. Er baute sich neben der Tür auf und rief laut: „Die Gesunden stehen auf und verlassen das Hospital.“
Mit einem Mal kam Leben unter die Siechen. Sie erhoben sich unter Stöhnen und Jammern von ihren Betten. Mühsam humpelten und krochen die Kranken zum Ausgang. Niemand wollte als Letzter zurückbleiben. Als sich dann der Saal geleert hatte und sich keiner von den Kranken mehr in dem Gebäude aufhielt, breitete der Vorsteher voller Freude seine Arme aus und dankte dem Wunderdoktor für dessen Dienst. Endlich durfte er sich ausruhen und konnte den Tag genießen. Till wurde jedoch schon unruhig und drang auf die Auszahlung seines Lohnes. Der Vorsteher war kein Knauser und gab ihm die restlichen 180 Gulden. Kaum hatte Till das Geld in seinem Gepäck, da sattelte er auch schon auf und verließ Nürnberg auf schnellstem Wege.
Dem Vorsteher war kein langes Glück beschieden. Schon nach einer Stunde kehrten die ersten Kranken zurück und bevor die Sonne unterging, war das Hospital wieder dicht bevölkert.
Bekümmert schritt der Vorsteher zwischen den Betten entlang. Dann beugte er sich zu einem der Kranke herab und fragte: “Sage mir, wie kann es sein, dass ihr auf des Wunderdoktors Geheiß wegginget, obwohl er euch doch nicht geheilt hat.“
Der Alte berichtete nun die Geschichte mit dem Pulver.
Zornesröte verfärbte das Gesicht des Vorstehers. Er schüttelte die Fäuste und verfluchte den betrügerischen Doktor bis in alle Ewigkeit. Die Kranken hatte er wieder, doch das Geld war auf Nimmerwiedersehen verloren.

16. Geschichte

am 02. Mai 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel ein krankes Kind kurierte

Wer bei bewährter Medizin spart, zahlt später beim Kurpfuscher drauf. Ein ähnlicher Fall trug sich in einer Herberge bei Hildesheim zu. Till kam dort eines Tages vorbei und wollte sich von seiner Reise ausruhen. Er sattelte ab und kehrte ein.
Der Wirt war gerade außer Haus und die Wirtin führte die Wirtschaft allein. Sie sorgte sich zudem um ihr krankes Kind, so dass sie ständig seufzte.
Till, der für seine Mitmenschen immer ein offenes Ohr hatte, fragte sie nach ihrem Kummer.
Bedrückt klagte die Frau: „Oje, mein armes Kindlein. Ach, wenn es nur endlich aufs Töpfchen könnte, dann wäre sicher alles wieder gut.“
Till wusste nun, welchen Geistes die Wirtin war. Er wollte es ihrer Affenliebe schon besorgen.
„Gute Frau“, begann er zu reden, „das Jammern wird Euch wenig helfen. Aber seid guten Mutes, denn ich weiß, wie ich Eurem Kind helfen kann. Habt ein wenig Geduld und es wird von mir geheilt sein.“
Die Frau war sehr vertrauensselig und schenkte Till allzu gerne Glauben. Sogleich hörte sie auf zu heulen. Voller Freude zapfte sie ihm ein Bier, dann lief sie auf den Hof, um endlich die meckernde Ziege zu melken.
Eilig stürzte Till das Bier hinunter. Darauf holte er sich den Nachttopf des Kindes und setzte einen ordentlichen Haufen hinein. Heimlich schob er ihn dann wieder zurück unter das Abortstühlchen.
Als die Wirtin wieder hereinkam und den vollen Nachttopf entdeckte, war sie außer sich vor Freude. Fast wäre ihr die Milchkanne aus der Hand gefallen. Sie lief zu ihrem Kind und rief: „Mein lieber Schatz, wie fein hast du Aa gemacht! Du bist mein allerliebstes Schätzchen. Jetzt wirst ganz, ganz schnell wieder gesund.“
Glückstrahlend bedankte sie sich bei Till und wollte von ihm wissen, durch welche Kur er ihr Kind geheilt habe. Er solle ihr zeigen, woraus die Arznei bestand, die ihr Kind so schnell gesunden ließ. Für das Rezept bot sie ihm jeden Lohn, den er fordern würde.
Till jedoch hatte es auf einmal sehr eilig.
„Mit Gottes Hilfe vermag ich jede Menge meiner Arznei zu machen. Nur führt mich mein Weg bei Euch vorbei und ich muss in diesem Augenblick noch weiter.“
Rasch sattelte er wieder sein Pferd und ritt davon.

15. Geschichte

am 21. April 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel einen Arzt heilte

Magdeburgs Bischof kam aus dem Hause der Grafen von Querfurt und hieß Burkhard. In diesem Amt war er der Dritte seines Namens. Er galt als rücksichtsloser Mann, dessen Streben allein auf die Erweiterung seines Erzstiftes gerichtet war. Die Magdeburger lagen immer wieder im Streit mit ihm, besonders, weil er ihnen auf das Bier eine hohe Steuer gelegt hatte.
Burkhard, der von Tills Streich in Magdeburg gehört hatte, ließ diesen zu sich auf die Burg Giebichenstein rufen. Er amüsierte sich köstlich über dessen Narreteien. Im Gegenzug gewährte er ihm Kost und Logis. Auch das Gefolge und die Dienerschaft des Bischofs mochten Till. Bei seinen Späßen leisteten sie ihm gerne Gesellschaft, denn er brachte etwas Kurzweil in ihren Alltag.
Am Hofe des Bischofs gab es einen Arzt. Dieser hielt sich für sehr gelehrt und verachtete das Gesinde wegen seiner Unwissenheit. In seinem Hochmut riet er dem Bischof eines Tages, nur weise Leute um sich zu sammeln und die Toren davonzujagen. Dieser Vorschlag gefiel Burkhard nicht und er entgegnete, auf seiner Burg müsse niemand die Schalksnarren ertragen, schließlich werde niemand dazu gezwungen.
Das war dem Arzt nicht genehm. Er empörte sich und sprach mit erhobener Stimme: „Ein Narr passt zu Narren, wie ein Weiser zu Weisen passt. Sage mir, mit wem du umgehst, dann sage ich dir, wer du bist.“
Die umstehenden Höflinge waren über diese Rede sehr gekränkt. Einer von ihnen sprach: „Vom Narren lernt der Kluge seine Weisheit.“
Als der Arzt gegangen war, kamen der Bischof und seine Ritter übereins, dass sie dem blasierten Wichtigtuer diesen Satz beweisen wollten. So wurde Till gerufen und Burkhard beauftragte ihn, dem hochnäsigen Medikus einen Streich zu spielen. Das ließ sich Till nicht zweimal sagen, er nahm den Auftrag dankend an. Ganze vier Wochen hielt er sich darauf vom Hofleben fern. In dieser Zeit heckte er seinen bösen Plan aus.
Jedem war bekannt, dass der Arzt des öfteren kränkelte und unter Leibschmerzen litt. Dies wollte sich Till zunutze machen. Er verkleidete sich und kehrte als Wunderdoktor an den Hof zurück. Der Arzt durchschaute den Schwindel nicht und als er unter besonders heftigen Schmerzen litt, bat er den Doktor zu sich. Till war in seinem Element und er spielte seine Rolle mit viel Inbrunst. Der Arzt war von seiner Beredsamkeit beeindruckt und begann ihm blind zu vertrauen. Nun sah Till seine Zeit gekommen. Als erstes verordnete er dem Arzt eine anständige Schweißkur. Diese sei nötig, da er am Schweiß des Patienten dessen Krankheit erkenne. Statt einer schweißtreibenden Arznei verabreichte Till dem Arzt jedoch ein Abführmittel. Dies hätte selbst einem Stier die Gedärme hinausgetrieben. Als nächstes legte Till einen hohlen, mit Katzendreck gefüllten Stein auf das Fensterbrett. Zu guter Letzt teilte er sich mit dem Arzt das Bett, um, wie er vorgab, den Schweiß besser begutachten zu können. Dafür legte er sich an die Wand.
Die folgende Nacht sollte der Arzt sein Lebtag nicht vergessen. Drehte er sich zur Wand, furzte ihm Till in die Nase. Kehrte er sich zum Fenster um, verschlug ihm der Katzendreck im Stein den Atem. Zudem begann das Abführmittel zu wirken und ihn begann heftiges Bauchkneifen zu plagen. Bald konnte er es nicht mehr aushalten und beim Versuch, einen Darmwind fahren zu lassen, schiss er sich von oben bis unten zu. Von erbärmlichen Krämpfen geschüttelt wälzte er sich im eigenen Dreck. Seine Kräfte ließen immer mehr nach. Bald vermochte er kaum noch den Kopf zu heben. Erst jetzt stieg Till aus dem Bett und verließ das Zimmer, in dem es mittlerweile wie im Schweinekoben stank.
Am nächsten Morgen kamen der Bischof und sein Hof, um sich nach dem Befinden des Arztes zu erkundigen. Der war vollkommen geschwächt und stöhnte vor sich her.
Der Bischof fragte ihn, wie es ihm die Nacht über ergangen sei.
Mit gebrochener Stimme erzählte der Arzt: „Von dem Wunderdoktor erhoffte ich mir endlich Hilfe, aber ich bin einem betrügerischem Schurken aufgesessen.“
Unter Tränen schilderte er dem Bischof und seinen Höflingen die Qualen, die er hatte ausstehen müssen.
Die Gesellschaft hatte während seiner Darstellung kaum an sich halten können. Als er dann am Ende war, begann der Erste zu lachen und alle anderen folgten seinem Beispiel. Letztendlich brach ein schallendes Gelächter aus. Vor allem der Bischof konnte sich kaum bändigen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder sprechen konnte, doch dann sagte er: „Euch ist nach eigenen Worten geschehen. Wer mit Narren zu Bett geht, steht mit Narren auf. Trotz allem zieht Eure Lehre daraus und bedenkt: Wo alle weise sind, dort erkennt man den Weisen nicht.“
Dem hochmütigen Arzt blieb nun nichts weiter übrig, als zu schweigen. Seitdem durfte er sich nicht mehr über Narren beklagen. Die Leibschmerzen blieben ihm jedoch wie eh und je erhalten.
Bischof Burkhard war jedoch kein langes Bleiben auf dieser Welt beschieden. Der Arzt rächte sich für seine Demütigung. Kaum ein Jahr später verriet er seinen Herrn an die Magdeburger, so dass diese den Bischof in einen Hinterhalt locken und gefangen nehmen konnten. Am 29. August 1325 erschlug ein Wächter Burkhard III. im Zorn.

14. Geschichte

am 14. April 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel erklärte, fliegen zu können

Seines Küsteramtes ledig, trieb es Till wieder über das Land. Bis nach Magdeburg war es nicht weit und als er sich dort in einer Herberge niederließ, sprachen sich seine Gaukeleien recht bald herum. Eines Abends baten ihn wohlhabende Bürger an ihren Tisch und wollten, dass er von seinen Fahrten berichtete. Das ließ sich Till nicht zweimal sagen. Während sie ihn reichlich mit Braten und Bier traktierten, gab er eine Geschichte nach der anderen zum besten. Es wurde gelacht und bald wollte man, dass er auch in Magdeburg eine seiner Vorstellungen gab. Zum Anfang zierte sich Till noch ein wenig, als ihm dann aber das Bier langsam zu Kopfe stieg, schlug er letztendlich ein. Bald ganz in seinem Element, erhob er sich und sprach: „Ich werde euch ein Kunststück zeigen, liebe Leute, wie ihr es noch nie gesehen habt. Vergesst nur nicht, allen in dieser Stadt zu sagen, dass ich morgen zur zweiten Stunde nach dem Mittag vom Dach des Rathauses fliegen werde.“
Tills Ankündigung verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Magdeburg. Am nächsten Tag war der Marktplatz vor dem Rathaus schwarz von Menschen. Selbst in den Nebenstrassen drängten sie sich noch. Neugierig reckten sie die Hälse und traten sich auf die Füße. Als dann die Glocke zur zweiten Stunde schlug, wurde es ganz still.
Till kam durch ein Dachfenster geklettert und stellte sich auf den Giebelsims. Eine Weile sah er schweigend auf die Leute herab, die ihrerseits gespannt zu ihm hinaufschauten. Dann stellte er sich auf die Zehenspitzen und begann mit den Armen zu flattern.
Die Münder weit geöffnet, starrten die Bürger hinauf, um ja nichts zu verpassen.
Till tat, als wolle er tatsächlich losfliegen, doch dann hielt er inne. Er fasste sich an den Kopf und rief: „Ich meinte immer, ich wäre der einzige Narr auf der Welt. Hättet ihr mir alle miteinander erzählt, dass ihr fliegen wolltet, so hätte ich es nicht für möglich gehalten. Und ihr glaubt einem, der als Schalk bekannt ist. Wie sollte ich fliegen können, da ich doch kein Vogel bin und keine Flügel besitze?“
Darauf stieg er vom Rathaus, drehte sich nicht weiter um und verließ die Stadt.
Fluchend und schimpfend begaben sich die Leute in ihre Häuser. Die meisten fühlten sich betrogen und wünschten Till dorthin, wo der Pfeffer wächst. Einige jedoch lachten und meinten: „Was wollt ihr, hat er euch nicht die Wahrheit gesagt?“

13.Geschichte

am 07. April 2010 unter Eulenspiegel abgelegt

Wie Eulenspiegel ein Osterspiel einübte

Kurz vor dem Osterfest nahm der Pfarrer Till zur Seite und sprach zu ihm: „Es ist bei uns Sitte, in der Osternacht ein Spiel zu geben. Am Anfang zeigt es den Engel, der zu den Frauen am Grabe des Herrn spricht, dann folgt die Auferstehung selbst. Bisher war es stets die Angelegenheit des Küsters, dieses Osterspiel einzuüben.“
Für ein Spektakel war Till immer zu haben. Ihm war jedoch noch schleierhaft, wie er den Bauern die lateinischen Texte beibringen sollte. Bald kam er auf den Gedanken, die Magd mitwirken zu lassen. Sie konnte lesen und schreiben. Mit diesem Vorschlag ging er zum Pfarrer. Dem war das nur recht, da die Magd alle Texte ohnehin auswendig wusste. Keines der Osterspiel war ohne sie ausgekommen, seit sie bei ihm war. Stets hatte sie den Engel gespielt.
Till suchte sich zwei junge Burschen, die mit ihm zusammen die drei Marien am Grab Jesu spielen sollten. Letztendlich war dann auch der Pfarrer bereit, als Jesus aus dem Grab zu steigen. Nun konnten die Proben beginnen. Beharrlich paukte Till den Bauernburschen die Frauenrollen ein, bis sie diese fehlerfrei rezitierten.
Zum Osterfest konnte es dann losgehen. Am Grab standen die drei Männer in Trauerkleidung. Der Engel kam und wollte in Latein wissen, was die drei hier suchten.
Die erste Maria entgegnete, so wie es ihr Till beigebracht hatte, sie suchten eine alte, einäugige Pfaffenhure.
Das verschlug der Magd die Sprache. Vor Wut schäumend sprang sie dem Bauernburschen an den Hals.
Der wusste nicht, wie ihm geschah. Verzweifelt setzte er sich zur Wehr und riss dabei dem Strafengel die Flügel ab. Den Pfarrer ließ diese Entweihung nicht im Grabe liegen. Er zog die Auferstehung vor und sprang seiner Magd bei. Kaum hatte er den Bauernburschen beim Schopf gepackt, da eilte diesem sein Kumpan zu Hilfe. Ein gut gezielter Fausthieb streckte den Pfarrer danieder. Einer der Unschuldsengel stolperte über ihn und über beide stürzte die erste Maria. Alsbald riss man der zweiten Maria die Trauerkleider vom Leibe, denn der Pfarrer bekam Verstärkung aus seiner Gemeinde. Die Bauern jedoch hielten zusammen und bald tobte eine wüste Schlägerei.
Allein Till hielt sich zurück. Hier und da teilte auch er aus, doch bevor das blutige Osterfest seinen Abschluss fand, machte er sich aus Kirche und Dorf davon. Buddenstedt ließ er für immer hinter sich und die Bauern mussten sich einen neuen Küster suchen.